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Jasmina Meier über ihren Aufstieg zum Gipfel

3 Uhr morgens – es schneit und windet heftig. Es ist Gipfeltag – aufgrund der Wetterprognose einen Tag früher als geplant – und in den Zelten werden Glieder und Schnee in höhenbedingter Langsamkeit aufgetaut. Unterm gefrorenen Zeltdach ziehen wir alles an, was wir noch nicht bereits an hatten bis und mit Daunenjacke, während im Kocher der Schnee vor sich hin schmilzt. Es ist eiskalt und die Wärmesäcklein für Schuhe und Handschuhe wollen fast nicht warm werden.
Punkt 5 Uhr ist Abmarsch, der volle Mond steht hoch am Himmel und beleuchtet die umgebenden Gletscher und Gipfel.
Der Anstieg ist ein ‘Chrampf” von Beginn an, die Luft ist knapp, meine Beine sind schwer, jeder Schritt dauert Sekunden. Ja nicht hoch schauen, denn der steile Hang ist fast unendlich, sondern wie in Trance im eigenen Tempo kämpfe ich mich hoch. Auf 6450m, auf dem ersten Sattel, beim Camp IV wird mir klar, dass zwar die Fotobatterien voll geladen sind, meine körperlichen jedoch fast auf Null sind. Ob es der fehlende Ruhetag im Lager III war oder einfach nicht mein Tag – wer weiss. Während dem Andere wieder absteigen oder weiter aufsteigen, geniesse ich mit meiner Leidensgenossin die grandiose Aussicht über die Grenze und die Pamirkette nach Tatschikistan.
Sogar für ein paar Stücke auf der Ocarina reicht mir der ‘Schnuuf’.
Mit Zufriedenheit über die erreichte Höhe als mein persönlicher Höhenrekord und die erbrachte Leistung, steigen wir zusammen ab und sind glücklich, das Camp III erschöpft aber bei guter Gesundheit erreicht zu haben. Es ist ein Geschenk, den Gipfel zu erreichen, doch es ist auch Gnade, seine Grenzen anzuerkennen und damit glücklich zu sein.

Gipfel hin oder her – ich bin erfüllt von diesem Grenz-Erlebnis und trotz Vorfreude auf erholsame Nächte und eine warme Dusche nehme ich mit etwas Wehmut Abschied von der beeindruckenden Höhe und Gebirgswelt auf über 6000m. Fast zu schnell geht es für mich wieder talwärts.

Mit schwerem Rucksack wieder im Lager I angekommen nahm ich wie ein feierliches Ritual ein erfrischendes Bad im Gletscherbach – das tut mir rundum gut nach all diesen körperlichen und psychischen Strapazen und ich fühle mich lebendig und erfüllt.

Und wie auf dem Zettel zum Empfang in meinem Zelt stand: ‘Das echte Leben ist nicht der Gipfel (zwar manchmal schon…!)’ finde ich diese ganze Reise ein Gipfelerlebnis.

Jasmina Meier

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